Drachenfutter

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Drachenfutter

Es war einmal ein junger Prinz namens George, der auf einer wunderschönen grünen Insel, auf seiner wunderschönen Burg lebte. Von seinem Vater, dem König von Vita, hatte er zur Geburt zwei kleine Drachen geschenkt bekommen.
Der eine war moosig grün und hieß Calmy, der andere war pechschwarz und hieß Feary.

Beide Drachen hatten eine ganz besondere Eigenart, denn sie ernährten sich ausschließlich von Bildern. Und zwar von Bildern, die der junge Prinz in seinem  Kopf entstehen ließ. Je nachdem, welche Gedanken und Bilder er im Kopf hatte, übertrugen sich diese unmittelbar auf den jeweiligen Drachen und fütterten ihn.

Wenn er zum Beispiel als kleines Kind Angst vor Dunkelheit oder Gewitter hatte, war das leckeres Futter für Feary, dann wuchs der immer ein bisschen.

Wenn der junge Prinz George jedoch schöne Gedanken und Bilder im Kopf hatte, wie zum Beispiel, dass er ein glücklicher und zufriedener Mensch war oder wenn er sich seinen Tagträumen auf der Wiese vor der Burg hingab, war das ein hervorragendes Futter für Calmy, den grünen Drachen, und der wuchs wiederum ein kleines bisschen mehr. 

Während seiner Kindheit gediehen beide Drachen ziemlich gut, allerdings war der grüne Drache immer um einiges größer als der schwarze. Es war für Prinz George absolut in Ordnung, hin und wieder auch mal Angst zu haben; schließlich ist Angst ja auch sehr nützlich, wenn zum Beispiel Gefahr durch ein rennendes Wildschwein oder ein ausgebrochenes Feuer drohte. 

Doch als der junge Prinz ins Erwachsenenalter kam, hörte er von seinen Mitmenschen immer öfter Geschichten von Katastrophen und Gefahren in der Welt, von Hass und Gewalt unter den Menschen.

Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Menschen so grausam zueinander sein und nicht in Frieden leben konnten. Deshalb stellte er immer mehr Fragen, um es verstehen zu können. So nach und nach konnte er sich ein Bild davon machen, wie verheerend solche schlimmen Geschehnisse waren. Und je mehr er davon hörte, desto mehr Bilder entstanden in seinem Kopf.

Er konnte sich plötzlich vorstellen, dass seine Burg angegriffen wurde, er sie aber nicht verteidigen konnte. Er hatte plötzlich Bilder im Kopf, dass seine lieben Mitmenschen auf der Burg nicht genug zu essen hatten, weil die Burg belagert wurde und deshalb viele starben. Er stellte sich vor, dass er mehrere Jahre nichts mehr auf den Feldern ernten konnte und das Vieh ihm wegstarb. Und es folgte ein Bild des Grauens dem anderen.

Und so geschah, was zwangsläufig geschehen musste: Feary, der schwarze Drache, mochte diese Fütterung mit den düsteren Bildern sehr und wurde von Tag zu Tag größer. Je mehr schreckliche Bilder der junge Mann im Kopf hatte, desto fetter wurde Feary und der liebe grüne Calmy lag irgendwann nur noch schlaff und unterernährt in der Ecke.

Der schwarze Drache wuchs so schnell und gewaltig, dass er irgendwann nicht mehr in den Stall passte, dann wurde er auf den Burghof verlegt, aber auch da machte er sich breit und verdrängte alles, was sich auf dem Hof befand, Menschen, Tiere, Stände, Brunnen, einfach alles. 

Der junge Prinz war verzweifelt und sah nur noch die Gefahr dieses Ungeheuers auf sich zukommen, doch je mehr Angstbilder sich in seinem Kopf zeigten, desto größer wurde der schwarze Drache. Und zum Schluss war er so groß und mächtig, dass er sich wie ein riesiger Fettklops sogar auf die ganze Burg legte und somit die Menschen und das ganze Leben auf dem Burghof lahm legte; er erstickte die Burg regelrecht. 

Der grüne Drache, Calmy, verkümmerte währenddessen immer mehr in der Ecke im Stall, sodass er irgendwann nur noch wie ein kleines Häufchen Elend da lag. Der junge Prinz hatte ihn anscheinend vergessen, weil er nur noch mit Feary beschäftigt war. 

Der junge Mann war völlig ratlos und zu Tode betrübt, weil er keine Idee mehr hatte, wie er Calmy und die Menschen auf der Burg retten und gleichzeitig Feary vom Wachsen abhalten konnte. 

Völlig verzweifelt ging er eines Tages in den Wald, um nachzudenken und einen klaren Kopf zu bekommen. Als er so ein Stück des Weges in den Wald gelaufen war, begegnete ihm plötzlich die alte Weise Frau. Er hatte früher schon von ihr gehört.

Sie stellte sich ihm vor und sagte: „Sei gegrüßt, mein Name ist Faith. Schön, dass Du gekommen bist. Was immer Dich bekümmert, ich bin sicher, dass ich Dir helfen kann.“

Nachdem der junge Prinz der alten Weisen Frau von seinem Problem erzählt hatte, (was übrigens nicht nötig war, denn Weise Frauen erkennen diese meistens schon vorher, aber sie lassen einen aus Höflichkeit immer aussprechen) sagte sie zu ihm:

„Du hast vor lauter Angst vergessen, Calmy, den grünen Drachen zu füttern. Am besten fängst Du gleich damit an, die Bilder in Deinem Kopf zu überprüfen:

Welche Bilder hast Du bis jetzt in Deinen Kopf gelassen? Und wie stark und klar sind diese Bilder? Sind es schöne oder häßliche Bilder? Du allein entscheidest, welche Du in Deinen Kopf lässt. Wenn ein hässliches Bild kommt, schick es weg!

Sag ihm: ‘Dich will ich nicht, Du tust mir nicht gut! Geh’ weg!’
Du bist Herr auf Deiner Burg! Du allein hast die Macht, zu entscheiden, wen Du herein lässt oder nicht. 

Die Zeit, die Du dadurch gewinnst, dass du Dich nicht mehr um die hässlichen Gedanken und Bilder kümmern musst, kannst Du dafür nutzen, wieder schöne Bilder zu kreieren. Male Dir die schönsten und glücklichsten Momente und Situationen aus. Wie fühlt es sich an, wenn Du an eine friedliche Zukunft denkst? Schmücke auch diese Bilder mit allen möglichen schönen Details und Farben aus.

Stelle Dir die Menschen, vor, wie sie wieder frei und zufrieden auf Deiner Burg leben und tanzen und glücklich sind. Dann wirst Du auch wieder glücklich sein.
Versuche es! Füttere einfach wieder mehr den grünen Drachen!“

Der junge Prinz war anfangs etwas skeptisch, ob das funktionieren könnte und ehrlich gesagt, auch etwas enttäuscht, dass das wirklich der beste Rat dieser angeblich so weisen Frau war, aber es blieb ihm ja nichts anderes übrig, als ihren Rat zu befolgen. 

Er ging zurück zur Burg und begann schon auf dem Heimweg sich schöne Bilder auszudenken. Als erstes stellte er sich vor, wie schön und hell und leicht es sein würde, wenn der schwarze Riesendrache nicht mehr auf der Burg thronen würde. 

Er stellte sich wirklich mit aller Kraft vor, wie die Menschen sich wieder frei bewegen konnten, tanzten und lachten und wieder glücklich waren. Wie sie wieder alle auf den Feldern arbeiten und gute Ernten einfahren würden. Und wie glücklich er selbst dadurch wieder wäre.

Und während er sich wirklich über Wochen und Monate hinweg viel Mühe gab, nur noch schöne Bilder in seinem Kopf zu malen, bemerkte er, wie der grüne Drache so langsam wieder lebendig wurde und zu Kräften kam und der schwarze Drache hingegen immer mehr an Umfang verlor, bis er irgendwann selber nur noch in der Stallecke kauerte. Der grüne Drache wuchs von Tag zu Tag mehr und wurde immer größer. 

Und der junge Prinz George stellte auch fest, dass Calmy noch kräftiger und stärker wurde, wenn er schöne Bücher las oder schöne Musik hörte oder einfach nur draußen im Wald oder auf der Wiese spazieren ging. Prinz George wurde von Tag zu Tag entspannter und schaffte es irgendwann sogar, einfach mal dankbar dafür zu sein, wie sein Leben sich bis jetzt entwickelt hatte. Und je mehr er sich in Dankbarkeit übte, desto schneller wuchs Calmy zu einem wunderschönen, riesigen und gütigen Drachen heran. 

Allerdings legte er sich nicht auf die Burg, wie der schwarze Drache, sondern lagerte außerhalb der Burg und legte sich in voller Länge um die Mauer herum, um die Burg zu festigen und zu beschützen.

Und so wurde Calmy zum stabilen Fundament für Prinz George, die Burg und die Menschen, die ihn umgaben.

Und so lebten sie alle glücklich und zufrieden bis …

(… bis der junge Prinz eine junge Prinzessin traf, die es irgendwie schaffte, in seinem Kopf ganz neue Bilder auszulösen 💖🥰)

E N D E

© by Brigitte Ciraudo

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